Steve, Phil und ich sind auf dem Weg in die Bar. Es ist Samstagabend, die Bahn ist voll und wir müssen stehen. Zum Zeitvertreib quatschen wir über den Tag und beobachten Leute. Der Tag war kurz und die Leute sind langweilig. Steve entdeckt einen Flyer an der Innenwand der Bahn.

„Neueröffnung in Berlin.“ zitiert er den Flyer. „Besuchen Sie das modernste Bordell Europas!“

Ich frage mich, warum solch ein Prospekt in einer Straßenbahn hängt, bin aber gleichzeitig fasziniert und neugierig. Was macht dieses Bordell so modern und einzigartig? Phil und ich geben Steve unsere volle Aufmerksamkeit.

„Neben den traditionellen Methoden der Befriedigung bieten wir innovative und zertifizierte Leistungen.“ liest Steve weiter. „Natürlich gehen wir auch auf Ihre individuellen Wünsche ein.“

Die Bahn stoppt und einige Leute steigen aus. Wir finden einen Sitzplatz und lauschen weiter Steves Worten. Er entfaltet das Prospekt und liest die speziellen Angebote des Unternehmens vor.

„Eheberatung 2.0 – Ehe- und Partnerprobleme schnell gelöst. Mit Ihrem persönlichen Berater besprechen und diskutieren sie gemeinsam mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin Ihre Probleme und Unstimmigkeiten. Nach erfolgreicher Sitzung folgt die intime Beratung im Hinterstübchen in trauter Dreisamkeit.“ liest Steve vor. „Bei den Beratern handelt es sich weder um ausgebildetes noch qualifiziertes Psychologiepersonal.“ entdeckt er im Kleingedruckten.

„Muss man unbedingt Beziehungsprobleme haben, um dieses Angebot nutzen zu können?“ fragt eine ältere Dame neben uns.

„Hier steht, man muss nicht mal einen Partner haben.“ antwortet Steve. „Und bitte belauschen Sie uns nicht, das ist unhöflich.“

Die Dame dreht sich weg. Steve liest weiter.

„Partnersharing – Wollen Sie nette Menschen in Ihrer Umgebung kennenlernen oder brauchen Sie einfach nur etwas Abwechslung? Dann kommen Sie zum Partnersharing! Immer mittwochs, nur bei uns! – auch ohne Partner möglich.“

„Ich muss sagen, ich bin beeindruckt über die Flexibilität und Vielfältigkeit der Angebote. Da ist ja wirklich für Jedermann was dabei.“ sagt Phil. Steve und ich nicken.

„Mittagsangebot – Für gestresste und viel arbeitende bieten wir täglich von 12 bis 13 Uhr eine Handmassage an.“ gibt Steve den nächsten Absatz wider. „Ok das ist albern. Wer geht denn in ein Stundenhotel um sich die Hände massieren zu lassen?“ fragt er.

Phil und ich starren ihn an und sagen nichts. Auch die Dame starrt ihn an. Es dauert ein paar Sekunden und Steve versteht.

„Ach sooo.“ sagt er laut und fasst sich an den Kopf. Um schnell vom Thema abzulenken, blättert er auf die nächste und gleichzeitig letzte Seite.

„Oh die suchen Mitarbeiter.“ staunt Steve.

„Lies vor!“ ruft Phil.

„Wir bieten übertarifliches Gehalt, die Möglichkeit zu Homeoffice und Vergünstigungen für unseren Service. Hochschulreife und Excelkenntnisse sind erwünscht.“ sagt er und stoppt.

„Wartet mal. Ach mein Fehler. Das ist für die Buchhaltung. Hier unten. Mitarbeiter im Bereich Vergnügen und Unterhaltung gesucht.“ fährt er fort.

„Sie sind volljährig, weiblich oder haben ein weibliches Erscheinungsbild? Sie interagieren gern mit Menschen, sind einfühlsam und können gut zuhören? Dann finden Sie Ihre Berufung bei uns! Bewerben können Sie sich direkt vor Ort. Wir freuen uns darauf Sie in einem persönlichen Gespräch kennenzulernen. Das Gespräch wird für Schulungszwecke aufgezeichnet.“ liest er vor und schlägt den Flyer zu. Wir kommen an unserer Station an und steigen aus.

„Ob die auch Fußmassagen anbieten?“ fragt Steve.

Kategorien: Berlin

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