Netflix ist bekannt für seine Vielzahl an Eigenproduktionen, die häufig einfach grandios sind, manchmal aber auch etwas merkwürdig und speziell und weniger für die breite Masse. Die Dokumentation, Tiger King, ist für mich irgendwo dazwischen, an einem völlig neuen und einzigartigen Ort.

Wäre diese Erfolgsserie nicht so viral gegangen und auch nicht Teil der Top 10 von Netflix, hätte ich sie mir wohl nie angeschaut. Auf den ersten Blick klang es für mich nach nicht artgerechter Haltung von Großkatzen in Amerika. Ein Thema, welches mir nicht gefällt und ich mir nicht in meiner Freizeit anschauen muss. Auf den zweiten Blick bemerkte ich aber, Tiger und Löwen spielen in dieser Serie nur eine Nebenrolle.

Was macht den Tiger King also so besonders und warum spricht jedermann darüber?

Die Antwort auf diese Fragen begriff ich relativ schnell und auch nicht unbedingt bewusst. Denn wenn man diese Serie schaut, stellt man sich immer wieder eine Frage: Ist das wirklich eine Dokumentation?

Und genau das ist das Geheimnis um den Erfolg des Tiger Kings. Es ist eine Dokumentation die so facettenreich, fabelhaft und unglaubwürdig ist, dass man sie immer wieder hinterfragt. Wie kann das alles echt sein? Wie können solche Persönlichkeiten diese Dinge erschaffen und Erfolg haben? Wie kann man so aus der Masse hervortreten und die irrwitzigsten Ideen umsetzen?

Bei diesen ganzen Fragen gab mir nur eine Erklärung eine befriedigende Antwort. Die Dokumentation spielt in den USA, dem Land unendlicher Möglichkeiten. Es gibt keinen anderen Fleck auf der Erde, wo ich mir die Ausmaße dieser Geschichte vorstellen könnte, keinen Einzigen! Allein die Figur Joe Exotic ist so aberwitzig und unwahrscheinlich, dass wohl selbst die Gebrüder Grimm diesen Mann als zu märchenhaft abgestempelt hätten. Ein homosexueller Redneck mit zwei nicht homosexuellen Ehemännern, dem ein riesiger Zoo gehört, in Kriminalität verwickelt und nebenbei fast Gouverneur von Oklahoma geworden ist. Countrysänger ist er auch, aber das kann man sich ja denken. Und er ist nicht der einzige „Exot“. Die unzähligen Tiger, Bären, Schimpansen und Löwen wirken dagegen schon fast langweilig und zivilisiert.

Neben den exzentrischen Protagonisten, die so exzentrisch sind, dass man eigentlich ein neues Wort dafür erfinden müsste, ist die Geschichte, die sie leben, ein weiteres Highlight für sich. Kein Drehbuchautor der Welt kann solch eine Achterbahnstory schreiben. Es wirkt so als ob man die besten Teile aus Hollywood herausschneidet, um diese dann irgendwie in eine Geschichte zu verstricken, obwohl man weiß, dass das nicht geht und einfach viel zu viel ist. Man nehme ein paar tödliche Raubkatzen, einen schwulen Cowboy, der Präsident werden möchte, einen mysteriösen Mord, Freunde, die zu Feinden werden, Feinde, die zu Freunden werden, junge, halbnackte Frauen, Explosionen und Waffen und viel Geld. Und das ist eine Dokumentation? Ja!

Jeder Charakter ist auf seine Art irgendwie unheimlich und vor allem nicht vertrauenswürdig. Man fängt an gewisse Protagonisten wenigstens leicht zu favorisieren, bevor sie aber dann in der nächsten Folge als der Teufel höchstpersönlich dargestellt werden. Wer hofft, eine Moralgeschichte über eingesperrte Raubkatzen und die Lektion, bloß nicht solche Zoos zu besuchen und zu unterstützen, zu sehen, der wird enttäuscht. Denn hier geht es um die Menschen. Und diese Menschen haben es in sich.

Der Mix aus Krimi, Action und Drama, dem schier unendliche Filmmaterial über Joe Exotic, Charaktere, die aus einer schlechten Folge von Family Guy stammen könnten, und vor allem das Timing der Entstehung der Doku in Verbindung mit dem Haftbefehl gegen den Protagonisten, machen diese Geschichte einzigartig und unterhaltsam. Als TV-Serie würde ich dem Tiger King nicht viel Chancen geben, aber als Dokumentation und dem Kontrast zwischen absolut unrealistisch, aber auf Fakten beruhender Story, macht den Tiger King auf jeden Fall sehenswert, auch wenn man mehr als einmal den Kopf darüber schütteln muss.


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